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Artega GT

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„Gehört der Ihnen? “. Der freundliche Tankwart mustert schon seit 5 Minuten die gedrungene Front meines Testwagens. „Sieht wirklich sehr sportlich aus! Was ist das für ein Flitzer?“. Ich kläre den interessierten Mitbürger auf. Kläre ihn auf über technische Details wie PS-Zahl, Gewicht, Name und Herkunft. Nicht zum ersten Mal an diesem überraschend sonnigen Tag führe ich ein solches Gespräch. Das Interesse ist schlichtweg überwältigend. Aber was ist er denn nun?

Gestatten: Artega GT. 300PS, 1245 kg, Mittelmotor, Doppelkupplungsgetriebe, Heckantrieb. Es ist das Produkt eines Klaus Dieter Frers, bekannt als Geschäftsführer der Paragon AG, die bislang auch als Dachfirma für das Sportwagenprojekt fungierte. Wirtschaftsflaute und Kreditklemme haben den Zulieferbetrieb jedoch in die Insolvenz gezwungen. Die Produktion des kleinen Sportwagens läuft aber tapfer weiter und Artega hat noch großes vor. Nach der nun erfolgten EU Freigabe will die  GmbH bald 3 Fahrzeuge pro Tag bauen und in der Sportwagenklasse knapp unterhalb des Porsche 911 ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Autos-pur.de hat dem knapp 80.000 Euro teuren Artega GT auf den Zahn gefühlt um herauszufinden ob er auch das Zeug dazu hat.

Betörende Karosserie - mit Scheinwerfern aus dem Carrera GT

Die Optik stimmt. Respekteinflößend mit den Scheinwerfern aus dem Carrera GT blickt der Flachmann auf die Straße. Es ist ein ausgesprochen kompaktes Auto, welches geschickt mit seinen Rundungen spielt. Die Haut aus Verbundwerkstoff scheint sich fest über die filigrane Technik mitsamt Fahrer und Passagier zu spannen. Am breiten Heck markiert der Artega mit seinen gewaltigen Reifen im XL Format 305/30 19 eine selbstbewusste Kampfansage an den Rest der Sportwagenwelt. Die etwas legere Verarbeitung sehen wir dem Testexemplar auf Grund seines Vorseriencharakters generös nach. Der Kofferraum mit dem maßgeschneiderten Kofferset dürfte für ein verlängertes Wochenende zu zweit geradeso reichen.

So eindrucksvoll der athletische Flachmann gegenüber seiner Umwelt Eindruck schindet, so ernüchternd sachlich wirkt jedoch das Interieur. Die Mixtur aus Audi, VW und BMW Elementen macht nicht gerade einen hochwertigen Eindruck. Da hilft auch die farbenfrohe Graphik des Multimediadisplays in der Mittelkonsole wenig. Der Touchscreen scheint sogar zeitweise die Funktion zu verweigern. Auch der Entwurf von Tacho und Drehzahlmesser demonstriert gestalterische Kreativität ist jedoch ebenso wie das im Rückspiegel platzierte Navi ergonomisch fast ein Totausfall. Bei etwas Sonneneinstrahlung geraten Tankinhalt und Richtungsvorgabe zum Ratespiel. Der Drehzahlmesser verzichtet auf einen roten Bereich wechselt aber kurz vor der Abregeldrehzahl seine Farbe. Um es vorsichtig auszudrücken: Wir denken, ein konventionelles Armaturenbrett wäre in jeder Hinsicht besser gewesen.

Martialisches Gebrüll des 3,6 l V6 von Volkswagen

Wie dem auch sei, wir schrauben uns in den vorzüglichen Schalensitzen fest, bringen unsere Hände an dem erfreulich kompakten Lenkrad in Stellung und drücken den Startknopf. Das Gebrüll verspricht Martialisches. VW Fahrern ist die Tonlage des Sechszylinders mit der kompakten V-Form ja schon seit seligen Golf VR6 Zeiten bekannt. Schon damals sorgte das Triebwerk für ein sonores Klangorchester. Im Artega GT spielt der Motor in Fortissimo auf. Die Heckscheibe wippt dabei  im Takt. Dieser Großserienmotor veranstaltet ein herzerweichendes Spektakel. Wenn man den fummeligen Schalthebel erst einmal in S gebracht und dem Leichtgewicht die Sporen gegeben hat, sind die erwähnten Unzulänglichkeiten sofort in das hinterste Eck des Erinnerungszentrums verbannt.

Er geht wie die sprichwörtliche Sau, Pest, Hölle. Wie auch immer. Jedenfalls ist aus dem Stand gegen dieses Auto kaum ein Kraut gewachsen. Das enorme Drehmoment des 3.6l Motors verwandelt das Gaspedal in jedem Drehzahlbereich zu dem Spielhebel einer Kanonenkugel. Die Werksangabe von 0-100 in 4,8s erscheint uns betont konservativ, um nicht zu sagen komikhaft untertrieben. Zusammen mit der blitzschnellen Doppelkupplung versetzt der Artega GT weitaus stärker motorisierte Zeitgenossen auf die rechte Spur. Immer begleitet vom basslastigen Orkan des Mittelmotors.

Fühlt sich schnell an

Wie schnell ist der Artega GT objektiv? Glaubt man den bisherigen Testergebnissen erfahrener Kollegen kann man mit diesem Auto tatsächlich einen Cayman S jagen, für mehr reicht es dann allerdings doch nicht. Diese Erkenntnis verblüfft, sagt unser ständig wiederkehrender Adrenalinschub doch etwas völlig anderes. Vermutlich liegt es aber an der steil abfallenden Drehmomentkurve die dem Vortrieb oberhalb von 5000 Umdrehungen etwas die Dramatik nimmt. Tatsächlich wirkt das Aggregat nahe seiner Maximaldrehzahl zugeschnürt. Der sehr hohe cw Wert von 0,40 trägt sein übriges dazu bei, daß es oberhalb von 200 nicht mehr für die ganz große Show reicht. Trotzdem: Diesem Auto Leistungsmangel zu unterstellen wäre absurd. Das Kapitel Motor und Getriebe hat der Artega GT in jedem Fall mit Bravour bestanden.

Doch geradeaus schnell können viele. Anbremsen, einlenken, Gas geben und die Kurve zackig wieder verlassen, das können die wenigsten perfekt ohne dabei ihre Insassen zu malträtieren. Die Erbauer des Artega GT haben ihrem Sprössling die besten Anlagen mitgegeben. Möglichst wenig Gewicht, Technik nur da wo sie der Fahrdynamik zuträglich ist. So trägt der Wagen Doppelquerlenker rundum und mächtig viel Gummi an der Hinterachse. Sehr hohe Kurvengeschwindigkeiten sind dem Wagen quasi in die Wiege gelegt worden. Auch mangelnde Traktion ist ein Fremdwort. Beinahe unverschämt früh kann man in diesem Kraftprotz am Kurvenausgang aufs Gas gehen ohne am Eingang allzu viel Untersteuern beklagen zu müssen. Wem der Begriff Schleppgas nicht fremd ist, wird mit dem Artega GT seine wahre Freude haben. Bei deaktiviertem ESP ist das Auto allerdings bei Lastwechseln fast nicht mehr einzufangen.

Fahrverhalten erinnert an 911er

Die hecklastige Balance ist nur was für harte Jungs und erinnert an vergangene 911er Zeiten. Auch die Lenkung vermittelt die Fahrbahnbeschaffenheit betont rustikal und gibt sich trotz gerademal zweieinhalb Umdrehungen von links nach rechts um die Mittellage etwas indifferent. Wer die perfekt übersetzte Sprache zwischen Mensch und Maschine bei Produkten aus Weissach oder Hethel gewohnt ist, wird sich an dieser Stelle an die etwas ruppige Arbeitsweise des Chassis‘ aus Delbrück gewöhnen müssen. Auch der Federungskomfort ist bestenfalls rudimentär vorhanden. Die Insassen erfahren nur zu genau welche Straße renovierungsbedürftig erscheint und welche nicht. Vor allem der Pilot will das oftmals aber gar nicht wissen. Beim Anbremsen zum Beispiel wenn der Artega GT auf unfeinem Geläuf mit dem Hintern hoppelt wie ein Rammler beim Paarungsakt. Die Bremsen an sich funktionieren jedoch tadellos ohne Fading mit klarem Druckpunkt.

Er hat also seine Schwächen der kleine flache mit dem dicken Motor. Um aber auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen wollen wir mit unsere Meinung nicht hinterm Berg halten: Der  Artega GT ist uns ans Herz gewachsen. In einer manchmal steril erscheinenden Autowelt, in der die Gattung der charakterstarken Sportwagen zur aussterbenden Art gezählt werden muss, trifft er genau den richtigen Ton. Beim Artega GT kribbelt es im Bauch. Weil er gut aussieht, verdammt scharf klingt, richtig schnell ist und beileibe nicht an jeder Ecke steht. Nach Punkten würde er vermutlich gegen die bekannten Streber haushoch verlieren. Aber ganz ehrlich: Wer will schon einen Streber als Freund?

 

Text: Martin Englmeier

Fotos: Julian Köppe                  Mehr unter www.juliankoeppe.de

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