
Ursprünglich wollte man ihn Eagle taufen. Doch der Name war schon anderweitig vergeben. Jetzt geht er als Evora an den Start.
Das in Zusammenarbeit mit Hydro Aluminium entwickelte Chassis ähnelt in seinem Grundaufbau der Konzeption aus der Elise. Der hintere Aggregatträger aus Stahl beherbergt einen 3.5l schweren und 280PS starken V6 aus dem Toyota Regal mitsamt quer eingebautem Getriebe. Gegenüber dem Fliegengewicht Elise konnte die Verwindungssteifigkeit um über 60% verbessert werden. Dank zusätzlicher Crashbox und Subframes gibt sich der neueste Sprössling aus Hethel weitaus widerstandsfähiger als jemals ein Lotus zuvor. Auch beim Thema Sicherheit wollen die Engländer in Zukunft in der Premier League mitspielen, obwohl der Evora weiterhin nur über 2 Airbags verfügt.
Leichbau bis ins Detail
Wie bei kaum einem anderen Hersteller hat sich Lotus getreu den Vorgaben des “alten Herrn“ Colin Chapman der Minimierung des Fahrzeuggewichts verschrien. Für den Gründer der Marke sollte ein Auto am besten so extrem konstruiert sein, dass es nach dem Durchfahren der Ziellinie auseinander fallen müsse. Auch der Evora setzt auf Leichtbau bis ins Detail, wenn auch mit etwas mehr Augenmerk in Richtung Alltagstauglichkeit als bei den altehrwürdigen Rennwagen der Marke. Sämtliche Karosserieanbauteile sind aus superleichtem Verbundwerkstoff gefertigt. Trotzdem wird es Puristen der Marke beim Blick aufs Datenblatt zunächst die Sprache verschlagen. Fast 1400kg wiegt dieser Lotus mit vollem Tank. Damit übertrifft er selbst den Porsche Cayman um gut 50kg, obwohl dieser aus weniger exotischen Materialen gefertigt wird. Woran liegt’s?
Die Antwort lautet: Größe! Die ausladende Breite des Hecks erinnert an Sportler aus Maranello. Auch bei Länge und Radstand sprengt der Mittelmotorrenner den Rahmen seiner Klasse. Selbiges gilt aber auch für die optische Präsenz des Evora. Flach, geduckt, bullig aber nicht zu aggressiv kommt man daher. Verrenkten Hälsen und staunender Gesichter dürfte sich der Evorapilot in jedem Fall sicher sein, mehr noch als bei so manchem Boliden aus Kontinentaleuropa.
Innenraum: größer als gedacht
Der Eindruck mit etwas Besonderem auf Tuchfühlung zu sein stellt sich auch im Innenraum ein. Fahrer und Passagier sitzen auf optimal ausgeformten Recaros wohlgebettet wie in einer Raumkapsel. Zumindest auf den vorderen Plätzen ist genügend Platz für Erwachsene, während die Rücksitzbank in den meisten Fällen lediglich als Gepäckablage Verwendung finden wird. Es sei aber erwähnt, dass die Kopffreiheit weitaus üppiger ausfällt als bei einem bekannten Athleten aus Zuffenhausen mit Heckmotor. Der Kofferraum im Bug muss allerdings bestenfalls als kompakt bezeichnet werden.
Aber ein Lotus ist ja kein familienorientierter Van mit Mehrzweckanspruch. Hier geht’s ums Fahren und deshalb wollen wir nun auch endlich auch in der Pilotenkanzel in Stellung gehen. Die Ergonomie präsentiert sich nicht ganz perfekt. Es fehlt eine Höhenverstellung für die Sitze und die Pedale dürften für manche Schuhgröße tabu sein. Lenkrad und Schaltstock liegen perfekt in der Hand. Wir drücken den Startknopf, es geht los.
Muskeln mit wenig Sound
In Zeiten überaus ambitionierter Sounddesigner klingt der große Lotus vergleichsweise zahm. Im Leerlauf ist der japanische Großserienmotor kaum zu hören. Erst bei voll durchgedrücktem Gaspedal röhrt der mit Direkteinspritzung und stufenloser Nockenwellenverstellung versehene V6 dezent vor sich hin. Wer das Tonspektakel bissiger Boxermotoren mit Klappenauspuff gewohnt ist wird sich an dieses eher gediegene Klangbild zunächst gewöhnen müssen. Immerhin aber dreht das Triebwerk ohne spürbare Vibrationen hoch, reagiert engagiert auf Änderungen der Gaspedalstellung und gibt sich vor allem von 3000-6000 Umdrehungen durchaus muskulös.
Der optionale Sportmodus erlaubt eine Abregeldrehzahl von 7000 U/min. Mit 280PS wandert die Tachonadel auch jenseits der 200er Marke hurtig nach vorne. Über mangelnden Vortrieb kann man sich in diesem Auto sicher nicht beschweren. Schneller als die direkten Konkurrenten ist der englische Flachmann allerdings nicht, zumal sich die etwas störrige Getriebebox mit ihren langen Wegen gegen schnelle Schaltvorgänge sträubt. Hier muss wohl noch nachgebessert werden.
Das Geheimnis liegt im Fahrwerk
Der informierte Kenner der Marke weiß allerdings nur zu genau, dass die wahre Magie eines Lotus sich erst am Grenzbereich offenbart. Wer auf möglichst viel Längsdynamik setzt ist in Hethel nicht an der richtigen Adresse. Die Stärke eines jeden Lotus liegt beim Handling. Das ist auch beim Evora nicht anders, obwohl er in Sachen Schwerpunkt und Gewichtsverteilung keine besseren Anlagen mitbringt als ein Porsche Cayman. Das Geheimnis des Alusportlers liegt im Fahrwerk. Wie jeder aktuelle Lotus verfügt auch der Evora über doppelte Querlenker aus Leichtmetall rundum.
Die Konstruktion ermöglicht das Ein- und Ausfedern aller 4 Räder ohne Veränderung der Sturzrate. In Kombination mit der besonders breiten Spur gleitet der Lotus unerreicht ruhig über wellige Straßen. Es gibt nichts was Pilot und Fahrzeug aus der Ruhe bringen kann. Die hydraulisch unterstützte Lenkung erlaubt für jede Biegung den perfekten Schliff. Obwohl der Evora ein unerhörtes Talent mitbringt Bodenwellen zu absorbieren bleibt der Kontakt zum Asphalt allzeit erhalten.
Kommunikative Lenkung
Am Grenzbereich fährt sich die flache Flunder wie sein kleiner Bruder. Intuitiv beherrschbar, mit hervorragender Traktion gesegnet und zudem am Limit immer präzise zu kontrollieren mit zwar spürbaren aber erstaunlich sanft zu parierenden Lastwechselreaktionen. Gerade eben weil sich der Evora in Kurven etwas mehr zur Seite neigt als unter Sportlern sonst üblich, ist der Fahrer über den jeweiligen Fahrzustand akkurat informiert. Auch die ungeheuer kommunikative Lenkung hat daran einen gehörigen Anteil.
Bei keinem zweiten Auto mit Servopumpe lässt sich der Kammsche Kreis so genau erfühlen wie bei diesem Geniestreich. Wir glauben zwar nicht, dass der Evora in seiner Klasse neue Rekorde auf der Nordschleife einfahren kann. Den Spagat aus Fahrdynamik und -komfort beherrscht der Wagen dafür wie kein anderes Auto.
Echte Alternative zu Porsche
In Anbetracht des wahrhaft zauberhaft austarierten Chassis‘ sehen wir dem Evora seine kleinen Schwächen bei Getriebe und Ergonomie großzügig nach. In unseren Augen stellt der Evora für Sportfahrer in dieser Klasse die einzig echte Alternative zu den Musterknaben aus Zuffenhausen dar. Zwar muss sich der Besitzer mit einem im direkten Vergleich nur durchschnittlich anmutenden Motor anfreunden, aber das Fahrerlebnis entschädigt dafür doppelt und dreifach. Wer allerdings glaubt mit dem Aussenseiter von der Insel ein Schnäppchen machen zu können, der irrt. Der weitestgehend in mehr oder minder geordneter Handarbeit gefertigte 2+2 kostet bei aktuellem Umrechnungskurs mindestens 59.000 Euro, wobei dann lediglich 2 Farben zur Verfügung stehen.
Wer Metalliclackierung, Navi, erweitertes Leder und gelochte Bremsscheiben wünscht muss diese jeweils in passenden Paketen ordern. Mit einigen Kreuzen liegt man schnell in Preisregionen jenseits der 70.000er. Um Geld zu sparen kann man den Evora als reinen Zweisitzer ordern. Das bringt umgerechnet bereits knapp 3000 Euro in die Kasse. Als sinnvolles Extra erweist sich die verkürzte Getriebeübersetzung für knapp 1800 Euro, die in den Gängen 3-6 mehr Spritzigkeit verspricht.
Fazit: Unterm Strich bewegt sich der Evora in höheren Preisgefilden als ein Porsche Cayman. Der Engländer wird es auf dem hart umkämpften Markt für Sportler der 300 PS Klasse nicht leicht haben. Die Kunden aber die sich bewusst für den Evora entscheiden, dürfen sich der Gewissheit sicher sein etwas Besonderes zu fahren. Der Geist von Colin Chapman fährt auch bei diesem Auto mit. Wobei der Evora vermutlich nicht nach der nächstbesten Ziellinie auseinander fällt.
Text: Martin Englmeier
Bilder: Julian Köppe Mehr unter www.juliankoeppe.de
Technische Daten:
3,5 l V6 Mittelmotor von Toyota / 3465 cm³ / 280 PS bei 6400 U/min / 350 Nm bei 4700 U/min / Heckantrieb / manuelles 6-Gang Getriebe / Leergewicht 1382 kg / 8,7 l/100 km / 261 km/h / 5,1s 0-100 km/h / Grundpreis ab 59.990 Euro / 2+2 Sitzer ab 63.500 Euro
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