
Um es mal vorweg zu nehmen, das Topmodell in der Boxster-Reihe hätte auch einen anderen Namen bekommen können. Porsche Boxster GT3. Ob Porsche je über den Namenszusatz nachgedacht hatte, ist mir nicht bekannt, aber er würde es absolut treffen.
Spyder klingt besser und passt ebenso gut zum Thema. Im Gegensatz zu einigen Sondermodellen, wie etwa der vor rund zwei Jahren präsentierte Boxster RS 60 Spyder, ist der aktuelle Spyder ein eigenständiges Modell, das tief greifende Änderungen erfuhr. Keine Marketing-Geschichte mit einigen kosmetischen Details oder so was. Markanteste äußere Merkmale sind die kürzeren Seitenscheiben und die zwei Höcker hinter der Fahrerkabine. Die an die gute alte Speedster und Spyder Zeit sowie an den seligen Carrera GT erinnern. Front und Heck wurden ebenfalls geändert. Im geschlossenen Zustand, ist das flache und weit nach hinten reichende Stoffverdeck das beste Erkennungsmerkmal des Spyders.
Rund 80 Kilo weniger - Boxter Spyder leichtestes Porsche Modell
Der Innenraum bleibt fast unverändert. Die Türverkleidungen wurden etwas entkernt und mit roten Schlaufen als Türöffner versehen. Ebenfalls rot sind die Sicherheitsgurte und deuten auf das verschärfte Vergnügen hin. Verschärft ist ein passender Ausdruck für den Spyder. Die Fahrdynamik wurde gegenüber den normalen Boxster Modellen deutlich angehoben. Leistung steigern ist eine Möglichkeit. 320 PS stehen zur Verfügung. 10 PS mehr als im normalen Boxster S. Weniger Gewicht ist eine Andere. Rund 80 Kilo wurden zum Boxster S eingespart. So wiegt der Spyder nur noch 1.275 Kilo und ist somit das leichteste Modell in der aktuellen Porsche-Palette.
Allein das 6 kg leichte Stoffverdeck spart 21 kg ein. Weitere 15 kg machen die Alu-Türen aus. 7 kg ein kleinerer Tank. Ebenfalls 7 kg die abgespeckte Batterie. 3 kg das Radio und immerhin 13 kg die Klimaanlage. Schalensitze bringen noch mal 12 kg. Die abgespeckte Tür-Innenverkleidung etwa 1 kg. Leichtere Räder machen 5 kg aus. Wer es auf die Spitze treiben will, kann für 1.904 Euro eine Lithium-Ionen Batterie ordern, die noch einmal weniger als die Hälfte einer normalen Starterbatterie wiegt und in den 911 GT3 Modellen Verwendung findet. Nachteil ist allerdings, dass diese nur bei Plusgraden funktioniert. Bei Bestellung legt Porsche aber noch normale Bleiakkus dazu. Falls es mal kalt wird. Wer auf das Radio oder die Klimaanlage nicht verzichten will, kann diese trotzdem einbauen lassen.
Stilbruch? PDK im Spyder
Alles Theorie. Wir wollen den Spyder fahren und schauen wie sich das ganze auswirkt. Wie schon erwähnt, ist der Unterschied im Innenraum nicht so groß. Von daher ist alles recht gewohnt. Sitze, Ergonomie, Feeling, alles top. Doch was ist das? Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Der Spyder hat das PDK drin. Porsches 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe. Bei so einem leichten, puristischen Auto habe ich ein knackiges 6-Gang Schaltgetriebe erwartet. Gut, das gibt es serienmäßig. Unser Testwagen hatte jedoch das optionale PDK drin. Leicht enttäuscht fuhren wir los. Wenigsten waren Fahrwerk und Lenkung erste Sahne. Nichts gegen das PDK – in den letzten Tests im 911 Turbo und Panamera funktionierte es bestens.
Porsche hat dem Spyder ein neues Fahrwerk spendiert. Kürzere und steifere Federn sowie angepasste Stabilisatoren ergeben 20mm Tieferlegung und eine nochmals deutlich gesteigerte Fahrdynamik. Auch dank des tieferen Schwerpunktes. Auf schlechten Straßen merkt man den Unterschied zu den zivileren Brüdern schon. Doch bleibt immer noch ein gewisser Restkomfort vorhanden. Dafür wird die Kurvenhatz zu einer Erlebnis der besondern Art. Kaum ein anderes Fahrzeug dürfte im Kurvengeschlängel dem Spyder etwas vor machen. In Sachen Leichtfüßigkeit und Direktheit fällt mir nur noch die Elise von Lotus ein. Doch der Porsche liegt stabiler und wirkt vertrauenerweckender. Fast unerschütterlich. In Kurven zeigt er so gut wie keine Seitenneigung. Das Gripniveau ist schlichtweg phänomenal.
So schnell wie ein Carrera
Das gilt auch für die Traktion. Zumal der Motor bissiger zu Werke geht als bei anderen Boxster- oder Cayman Modellen. Der 3,4 l Direkteinspritzer dreht leichtfüßig bis über 7.000 U/min hoch. Bei 7.200 U/min liegt die volle Leistung von 320 PS an. Das maximale Drehmoment von 370 Nm liegt in porschetypischen Regionen bei 4.750 U/min. Nicht nur gefühlt geht der Spyder wie von der Tarantel gestochen, auch in Fahrwerten ausgedrückt, macht sich das geringe Leistungsgewicht von knapp unter 4,0 kg/PS positiv bemerkbar. Mit 6-Gang Schaltgetriebe soll der Sprint auf 100 km/h in 5,1 Sekunden erledigt sein. Mit PDK in 5,0 Sekunden. Zusammen mit dem Sport Chrono Paket und der Launch Control braucht es nur 4,8 Sekunden um auf Landstraßentempo zu beschleunigen. Das ist der gleiche Wert wie bei einem 911 Carrera mit PDK.
Zusammen mit der super dosierbaren und extrem verzögernden Bremse ist der Boxster Spyder ein Sportgerät reinsten Wassers. Untermalt von dem grandiosen Porsche Sound der hier glücklicherweise richtig zur Geltung kommen darf, besonders wenn man auf die Taste für den Klappenauspuff drückt setzt der Boxermotor beim Fahrer jede Menge Glückshormone frei. Durch Häuserschluchten oder gar einen Tunnel zu fahren kann süchtig machen. Porsche pur. Die eingefleischten Fans werden ihn lieben. Der Unterschied zu den zivileren Boxster Modellen ist etwa wie vom normalen 911er zum GT3.
Nichts für Warmduscher
Ein Hammer Auto für 63.404 Euro. Warum die Nachfrage nicht so groß ist wie es in den Porsche Zentren heißt, liegt wohl am Verdeck. Zwar passt das Stoffverdeck hervorragend zum Auto, doch könnte die Alltagstauglichkeit besser sein. Ein paar Nachteile muss man in Kauf nehmen. Am Anfang ist es noch recht fummelig. Mit etwas Übung aber halb so wild. Ein plötzlicher Regenschauer könnte jedoch für leichte Hektik sorgen. Windgeräusche und Dämmung kann man mit dem normalen Boxster nicht vergleichen. Waschanlagenfest ist es auch nicht. Das „Sonnensegel“ genannte Verdeck sei zwar vollgasfest, doch empfiehlt Porsche nur bis maximal 200 km/h zu fahren. Geöffnet sind bis zu 267 km/h drin. Schade, da dies wahrscheinlich vielen im Weg stehen wird. Vielleicht sind wir alle schon ein wenig zu weich gespült. Das Auto ist zum offen fahren konzipiert und wird daher in Florida öfter zu sehen sein als bei uns.
Nun wäre da noch das Thema PDK. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass es doch nicht so schlimm war, wie befürchtet. Besonders im Normal oder Sport Modus schaltet es schnell und angenehm. Sport Plus ist für die Straße zu stressig. Dann schaltet es extrem spät hoch und viel zu früh wieder runter. Auch im manuellen Modus. Das ist Stress und gehört auf die Rennstrecke. Meine persönliche Lieblingseinstellung war Sport und Klappenauspuff an. Beim Runterschalten brabbelt und spratzelt es hinten raus. Gibt man wieder Gas wird jeder Gasstoß unter Gänsehaut-Sound sofort in Vortrieb umgesetzt. Doch nicht so schlecht mit PDK. Zumal es den Verbrauch senkt. Nur 9,3 l/100 km/h gibt Porsche an. In der Schaltversion sind es 9,7 l.
Fazit:
Selten habe ich ein Fahrzeug so ungern wieder hergegeben. Für 63.404 Euro bzw. 66.349,25 (mit PDK) gibt es Porsche in seiner reinsten Form. Vom Spaßfaktor her könnte ihm höchstens noch der GT3 bzw. GT3 RS das Wasser reichen. Doch die sind nicht offen. Wer seine Bequemlichkeit (Verdeck) ablegen kann, wird reich belohnt. Tipp für eine Therapie: Mal selber fahren. Könnte Wunder wirken.
Technische Daten: Porsche Boxter Spyder
3,4 l Sechszylinder Boxermotor / 3436 cm³ / 320 PS bei 7.200 U/min / 370 Nm bei 4.750 U/min / Serie: 6-Gang Schaltgetriebe / Option: 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe (PDK) / 0-100 km/h in 4,8 – 5,1 Sekunden / Höchstgeschwindigkeit 265 – 267 km/h / Verbrauch 9,3 – 9,7 l/100 km / Grundpreis: 63.404 – 66.349,25 Euro
Vielen Dank an das freundliche Team des Porsche Zentrum Mannheim für die Bereitstellung des Testwagens. Mehr unter www.porsche-mannheim.de
Text: Dirk Schmied
Bilder: Dirk Schmied / Martin Englmeier / Porsche
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