
Die ersten Fahrberichte der großen Magazine wie Autobild, Sportauto oder Autozeitung machten es nicht einfacher. Die Spannung auf die erste Fahrt im neuen Super-Porsche war groß. Er soll bei den Limousinen neue Maßstäbe in Sachen Fahrdynamik setzen. Trotzdem viel Platz und Komfort bieten. Ein großer Elfer sein. Und auf der Nürburgring-Nordschleife soll Walter Röhrl eine Zeit von 7:56 min. hingeknallt haben. Nur unwesentlich langsamer als ein Mercedes SLR McLaren.
Es ist nicht mein erstes Treffe mit dem Panamera. Doch bin ich immer wieder erstaunt wie groß und stämmig der Wagen ist. Mit 4970mm ist er nur rund 12 cm kürzer als eine Mercedes S-Klasse. Rund 6 cm niedriger (1418mm) aber dafür 6 cm breiter (1931mm) als die Normalversion der Vorzeigelimousine aus dem benachbarten Untertürkheim. Ein imposanter Eindruck in carbongrau-Metallic. Eine von 15 Farben für den Panamera.
Großes Raumangebot
Beim öffnen der Türen fallen erst einmal das große Raumangebot, die feudale Lederausstattung in luxorbeige und der typische Porsche Geruch ins Auge, bzw. in die Nase. Die Sitze sind bequem. Auch auf längeren Touren. Lassen den Sportcharakter aber nicht außer acht. Sie bieten genügend Seitenhalt, selbst bei Renntempo. Die vielen Schalter und Einstellmöglichkeiten geben kaum Rätsel auf und sind nach kurzer Eingewöhnung recht intuitiv zu bedienen.
Doch das interessiert uns momentan nur sekundär. Wir wollen fahren. Schlüssel rum drehen und Motor starten. Das Zündschloss ist wie bei allen Porsche natürlich links vom Lenkrad. Der 4.8 l V8 Biturbo erwacht. Eindeutig ein Achtzylinder. Ein tiefes Grollen. Aber dezent. Das 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe (PDK) stellen wir erst einmal auf den Automatikmodus. Das Fahrwerk (PASM) lässt sich in drei verschiedene Stufen einstellen. Komfort, Sport und Sport-plus. Fangen wir mit Sport (also normal) an.
Porschetypisch direkt und sportlich
Der Panamera lässt sich spielerisch dirigieren. Lenkung, Pedale, Fahrwerk – alles fühlt sich porschetypisch direkt und sportlich an. Nur mit dem Unterschied, dass hier alles viel komfortabler und entspannter ist. O.k. es ist vielleicht keine S-Klasse, aber beschweren dürfte sich zumindest im Komfort-Modus keiner. Vorne und hinten ist wirklich massig Platz. Toll sind auch die zwei hinteren Einzelsitze. Durch die hohe Gürtellinie und der relativ tiefen Sitzposition, fühlt man sich sicher wie in Abrahams Schoß. Bei diesem Auto wird aber der Chef wohl lieber selber fahren wollen.
Jetzt wollen wir mal sehen, wie sich die 500 Pferde auf die 1970 Kilo Leergewicht auswirken. Ebenso eindrucksvoll ist das maximale Drehmoment von 700 Nm. In Verbindung mit dem Sport Chrono Paket sind es sogar 770 Nm. Angegeben ist der Turbo beim Standartsprint von Null auf Hundert mit 4,2 Sekunden. Die Kollegen von Sportauto hatten gar 3,9 Sekunden gemessen. Wie auch immer. Gibt man im Panamera Turbo aus dem Stand Vollgas, verschlägt es einem die Sprache.
Brutaler Schub
Was für ein Schub!!! Das Auto bäumt sich leicht auf. Der permanente Allradantrieb bringt die brutale Power des Biturbo-Triebwerks schlupffrei auf die Straße. Nur im dritten Gang hat man das Gefühl als würden die Räder leicht durchdrehen. Bei der gleichen Übung im Sport-plus Programm lassen die elektronischen Helferlein etwas mehr Spielraum für Adrenalinschübe. Das Heck schwänzelt leicht, und der Motor hängt noch giftiger am Gas. Das Spektakel reicht aus, um bei einigen Mitfahrern Angstzustände zu erzeugen. Der Turbo scheint gar nicht mit dem Beschleunigen aufhören zu wollen. 200 km/h sind bereits nach 13,9 Sekunden erreicht. Und danach geht es nicht minder eindrucksvoll Richtung 300 km/h weiter.
Andere Verkehrsteilnehmer degradiert der Panamera Turbo zu Statisten. Auf einem freien Autobahnstück konnten wir mal eben so 290 km/h aus dem Ärmel schütteln. Zur Spitze von 303 km/h hat also nicht mehr viel gefehlt. Mein Puls war etwas erhöht. Jedoch nur wegen der Tatsache, dass ich gerade mit einer irrwitzigen Geschwindigkeit unterwegs war. Feuchte Hände braucht man jedoch keine zu bekommen. Eigentlich merkt man das Tempo nicht wirklich.
Liegt wie eine Eins
Ruhig und gelassen macht der Panamera seine Aufgabe. Liegt wie eine Eins. Auch die Geräuschkulisse hält sich in Grenzen. Bei einem kürzlichen Test mit einem Lotus fühlten sich 240 km/h im Vergleich zum Porsche an wie 400 km/h. Geradeaus fahren kann er also. Egal ob Stadtverkehr, Landstraße oder Autobahn – er beherrscht alle Disziplinen mit Bravour. Das können aber die meisten Limousinen auch. Somit kommen wir zur Übung, die die Spreu vom Weizen trennt. Die Rennstrecke.
So gerne wir da auch drauf wären, leider durften wir nicht. Dann müssen es eben Landstraßen und schöne bergige Serpentinen sein, um den Panamera auf den Zahn zu fühlen. Sport-plus Modus an und die Finger warm machen für die manuelle Schaltebene des 7-Gang Doppelkupplung-Getriebes. Hier müssen es noch die bewährten Schiebetasten tun. Im neuen 911 Turbo gibt es optional schon die sportlicheren Lenkradwippen. Vielleicht bietet Porsche die Wippen bei einer kommenden Modellpflege auch für die Limousine an.
Direkte Lenkung
Wir gehen auf die Jagt. Die kurzen Geraden auf dem Kurvengeläuf Richtung Berg schnupft der Turbo auf wie nix. Über Porsche Bremsen braucht man glaube ich nichts mehr groß erzählen. Die Wirkung ist phänomenal. Dank des straffen Fahrwerks, der direkten Lenkung und der serienmäßigen 19 Zoll Räder in der Größe 255/45 ZR 19 vorne und 285/40 ZR 19 hinten, umrundet das 2 Tonnen Schiff Kurven, als wäre er in einer anderen Fahrzeugkategorie und einige hundert Kilo leichter.
Aus der Kurve raus, wieder voll aufs Gas. Allradantrieb, Traktionskontrolle und der Turbo-Bums schießt das Gefährt katapultartig aus den Ecken. An die Fahrdynamik eines Elfers oder Boxsters kommt der Panamera freilich nicht hin. Hier müssen wir die Kirche im Dorf lassen. Aber unter seinesgleichen wir ihm keiner das Wasser reichen können. Also hat er auch diese Disziplin hervorragend bestanden.
Verbrauch überraschte uns
Es scheint, als habe Porsche ein ziemlich perfektes Auto auf die Räder gestellt. Der wohl beste Kompromiss aus Sportlichkeit, Komfort und Platz. Fährt sich wie eine Eins, die Qualität und das Ambiente stimmen, und der Motor ist eine Wucht. Jetzt kommt das heikle Thema Verbrauch ins Spiel. Angegeben ist der Turbo mit verhältnismäßig niedrigen 12,2 l/100 km. Doch bei artgerechter Fahrweise könnte ganz leicht das Doppelte durch die Benzinadern fließen.
Umso überraschender war jedoch unser ermittelter Verbrauch bei diesem Test. Wir haben das Auto in jeder Situation bewegt. In der Stadt, auf der Landstraße und auf der Autobahn. Da der Turbo-Schub sehr verführt hat, haben wir diesen auch des Öfteren genossen. Nicht zu vergessen, die Vollgasfahrt bei knapp 300 Sachen. Will heißen, wir sind nicht einfach so spazieren gefahren und hatten mit deutlich über 20 Liter gerechnet. Unterm Strich waren es lediglich um die 15 Liter. Unter diesen Umständen ein sensationeller Wert. Die einschaltbare Start/Stop Automatik alleine, kann nicht ausschlaggebend gewesen sein.
Bis zu 1250 Liter Kofferraumvolumen
Wer etwas Negatives am Panamera sucht, könnte höchstens das etwas gewöhnungsbedürftige Heck kritisieren. Ist eben Geschmacksache. Hat aber einen Vorteil. Da passt jede Menge rein. 432 l Kofferraumvolumen sind zwar sehr geräumig, aber kein Spitzenwert. Doch der große Porsche hat ja noch einen Trumpf in der Hand. Legt man die Rücksitze um, stehen plötzlich 1250 l zur Verfügung. Das kann kein anderer in dieser Liga. Höchstens ein Kombi.
Bei 135.154 Euro liegt der Grundpreis für den Turbo. Mit entsprechenden Extras lässt sich das Ganze fast beliebig nach oben schrauben. Unser Testwagen hatte einen Wert von über 160.000 Euro. Im Porsche-Konfigurator kostete mein persönliches Exemplar (wenn ich es mir leisten könnte) sogar über 180.000 Euro. Vielleicht ein kleiner Nachteil…
Fazit:
Der Panamera ist nicht nur ein Alleskönner, er kann auch alles sehr gut. Vom geräumigen Komfortgleiter bis zum brutalen Rennstreckenbomber ist alles drin. Diesen Spagat schafft der Viersitzer wie kaum ein anderer. Dennoch fühlt sich alles nach Porsche an. Uns hat der Panamera Turbo nachhaltig beeindruckt. Nicht nur die Perfektion, sondern auch die Emotionen stimmen. Ein weiterer Meilenstein in der Porsche-Geschichte.
Vielen Dank an das zuvorkommende Team des Porsche Zentrum Mannheim für die Bereitstellung des Testwagens. Mehr unter www.porsche-mannheim.de
Text und Bilder: Dirk Schmied
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