Die neue Referenz auf dem Sportwagenmarkt?

Es wurde viel geredet über die neueste Wunderwaffe unter McLaren-Banner. Ist die Optik zu brav für einen Supersportler? Ist er ein würdiger Nachfolger für F1 und SLR? Will er das überhaupt sein? Und wie steht er im Vergleich zur Konkurrenz dar? Speed-Magazin Redakteur Michael Bräutigam war bei der Deutschlandpremiere des neuen Supersportlers in Düsseldorf vor Ort und konnte sich einen Eindruck vom MP4-12C sowie der Zukunft von McLaren Automotive machen.
Düsseldorf-Lörick, 17. Juni 2010. Wahrscheinlich hätte man schöner gelegene Locations für einen Kick-Off-Event eines Supersportwagens finden können, erst im Verlauf der Veranstaltung wird klar, warum gerade das Alte Kesselhaus als Ort der Premiere gewählt wurde. Zunächst aber ein paar nackte Zahlen, die eine vage Vermutung zulassen, welches Potenzial im Star der Premiere steckt: 3,8 Liter V8-Biturbo-Motor mit Hochdrehzahlkonzept, 600 PS, 600 Nm, 1300kg Leergewicht dank völliger Hingabe zum Leichtbau.
Wo ist der Fortschritt?
Die Rückblende ins Jahr 1994 verrät, dass der BMW McLaren F1 seinerzeit mit ähnlicher Motorleistung -damals mit schwerem V12-Mittelmotor von BMW- beinahe 200 Kilogramm weniger auf die Waage brachte und im Topspeed mit knapp 390 km/h heute noch zu den Weltbesten gehört. Mit dem 12C ist bei 320 km/h Schluss. Selbst der in Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz entwickelte SLR McLaren bringt es auf 340 km/h Topspeed, mit fast 400kg mehr auf den Rippen! Wo ist da der Fortschritt, wird sich vielleicht der eine oder andere geneigte Kaufinteressent fragen?
McLaren PR-Chef Mark Harrison verrät, dass es sich um völlig verschiedene Fahrzeugkonzepte handelt. Während der F1 etwa zum kompromisslosen Supersportler erzogen wurde, wollte man mit dem MP4-12C sozusagen die „Eierlegende Wollmilchsau“ erschaffen. Unübertroffene Sportlichkeit auf abgesperrter Strecke, nie gesehener Komfort im urbanen Verkehr und das alles mit der Zuverlässigkeit und Qualität, die die eines Mercedes-Benz noch übertreffen soll.
Getestet wird rund um die Uhr
Als Mittel dient ein straffes Testprogramm, das weltweit, sieben Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag absolviert wird - bereits seit anderthalb Jahren! Dazu kommt ein revolutionäres Hydraulik-Fahrwerk, das sich auf alle Gegebenheiten der Straße anpasst. Einen Querstabilisator sucht man hier vergebens, jedes Rad wird unter Beobachtung zahlreicher Sensoren und im Zusammenspiel von Hydraulik und Elektronik einzeln angesteuert, um den jeweiligen Anforderungen des Lenkers gerecht zu werden.
McLaren-Chef Anthony Sheriff spricht vom „and-car“, einem „Und-Auto“, mit dem man keine Kompromisse eingehen muss, weil es sich dank modernster Technik jeder Situation perfekt anpasst. Christian Marti, Direktor für die Region Europa, geht sogar noch weiter, er benutzt gar den Ausdruck „Understatement“. Langsam wird klar, warum dieses Auto so brav aussieht und warum gerade diese Location ausgesucht wurde.
Beste Alltagstauglichkeit und CO² Bilanz
Der 12C ist eben nicht nur als Vorzeigeobjekt im Golfclub oder für rasante Ausfahrten auf der Rennstrecke konzipiert, sondern besitzt, so absurd es bei einem Supersportler klingt, sogar Alltagstauglichkeit. Dazu trägt auch der in Eigenregie entwickelte Motor bei, der deutlich unter 300g CO2 pro Kilometer ausstoßen soll und damit sogar eine bessere PS/CO2-Bilanz aufweist als jedes andere derzeit verfügbare Fahrzeug mit Ottomotor oder Hybridantrieb weltweit.
Das geplante Händlernetz, das in den kommenden Jahren weltweit insgesamt 70 (2011 zunächst nur 35) Niederlassungen umfassen soll, bestätigt ebenfalls die Ausrichtung auf ein „exklusives Massenprodukt“. Erster der deutschen McLaren-Händler ist Timm Moll, der mit der Moll Sportwagen GmbH für den Verkauf in Düsseldorf zuständig sein wird. Wem also nach einem Spaziergang am Rheinufer und einem guten Essen auf der Königsallee spontan der Sinn nach einem Supersportwagen steht, hat es zur entsprechenden Anlaufstelle nicht weit.
Preis: rund 200.000 Euro
Weitere Händler in Deutschland werden in Hamburg (Merkur Hanseatische Sportwagen AG), Frankfurt sowie München (ggf. Stuttgart) stationiert sein. Der Preis für den MP4-12C steht noch nicht fest, wird sich nach Aussage von Christian Marti aber im Bereich EUR 180.000-220.000 befinden. Die ersten Fahrzeuge werden im Frühjahr 2011 ausgeliefert.
Sheriff schaut aber noch weiter in die Zukunft von McLaren. Von einem neuen Modell pro Jahr über die nächsten zehn Jahre ist die Rede, die Stückzahlen sollen auf 4.000 Fahrzeuge pro Jahr steigen, denn 2011 werden zunächst nur rund 1000 gebaut. So will McLaren Automotive in den nächsten Jahren als eigenständige Marke den Sprung an die Spitze der Sportwagenhersteller schaffen. Die Zeichen stehen nicht schlecht, dass dieses Ziel erreicht werden kann - die Konkurrenz sollte sich auf jeden Fall warm anziehen!
Übrigens: Auch die Formel-1-Weltmeister von 2008 und 2009, Lewis Hamilton und Jenson Button, nahmen bereits im MP4-12C Platz, aber seht selbst:
Text: Michael Bräutigam
Bilder: McLaren, Michael Bräutigam
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