Der 599 GTO wird jüngst als schnellster Ferrari aller Zeiten gefeiert. Autos-Pur.de wagt einen Vergleich mit dem legendären Enzo aus dem Jahre 2003.
Motor
In Sachen Leistung liegt der aktuelle Sportler mit Frontmotor und Transaxlegetriebe tatsächlich vorne. Der GTO bringt es auf 670 PS (Enzo: 660 PS). Obwohl beide Rennpferde den gleichen Basismotor unter der Haube tragen sind die Unterschiede im Detail doch erheblich. Die aktuelle Ausgabe im 599 holt seine Leistung über die Drehzahl. Zwar fällt das maximale Drehmoment schwächer aus als beim Enzo (620 zu 657 Nm), fällt die Kraftkurve in Richtung Nenndrehzahl weniger deutlich ab. Mit der Kurbelwelle aus dem 599 FXX und reibungsoptimierten Kolben besitzt der 599 GTO das drehfreudigere Aggregat. Der Enzo wiederum profitiert von seiner Auslegung als Mittelmotor. Auf Grund größerer Lufteinlässe kann die Maschine stärker durchatmen. Das Enzo-Aggregat ist der durchzugsstärkere Ableger des V12 Motors.
Getriebe
In nur 65ms kann der Fahrer des 599 GTO die Gänge wechseln. Die letzte Entwicklungsstufe der sequentiellen Schaltung arbeitet damit fast genauso fix wie die Einheiten mit Doppelkupplung im 458 Italia und California GT. Im Vergleich dazu ist die Box aus dem Enzo eher lahm. Die kürzeste Schaltgeschwindigkeit liegt bei 145ms. Das dürfte aber immer noch deutlich schneller sein als mit einem manuellen Schaltgetriebe.
Chassis
Der 599 GTO stammt von seinem zivilen Bruder GTB ab, trägt aber Karbonanbauteile zur Reduzierung des Gewichts. Insgesamt liegt die Einsparung bei 80 kg. Ohne Flüssigkeiten bringt der GTO 1495 kg auf die Waage. Der vergleichbare Wert für den Ferrari Enzo liegt bei nur 1255 kg. Somit trennen die beiden Modellathleten satte 240 kg. Möglich wird dieses drahtige Fahrgestell durch den konsequenten Einsatz von Karbon und den Verzicht auf sämtliche Komfortextras. Der Enzo wurde serienmäßig nicht einmal mit Klimaanlage ausgestattet. Im Inneren des Monocoque aus Karbon geht es folglich weitgehend spartanisch zu. Der 599 GTO gibt sich da im Vergleich mit Navi, Hifi-System und elektrischen Sitzen beinahe luxuriös.
Aerodynamik und Fahrwerk
144 kg. Soviel Abtrieb produziert der 599 GTO bei 200 km/h. Ein sehr guter Wert. Schließlich erzeugen die meisten Fahrzeuge bei dieser Geschwindigkeit normalerweise ein gewichtiges Maß an Auftrieb. Dennoch kann es der Enzo deutlich besser. Er wirft bei der gleichen Geschwindigkeit 344 kg in die Waagschale, bei 300 sind es sogar 775 kg. Auch hier profitiert der flache Supersportler von seinem Mittelmotorkonzept inkl. mächtigen Diffusor und aktivem Heckspoiler. Unter dem ausgefeilten Karbonkleid trägt der Enzo zudem reinrassige Renntechnik. Während der 599 GTO seine 4 Räder vergleichsweise konventionell über Aluquerlenker führt, glänzt der Enzo mit Karbonquerlenkern und flach liegenden Feder-/Dämpfereinheiten nach Pushrodmuster. Die Verzögerung erfolgt hier wie dort mittels Bremsscheiben aus Karbon-Keramik.
Fahrleistungen
Sowohl Enzo als auch 599 GTO gehören zu den schnellsten Fahrzeugen der Welt. Aber wieder zieht die aktuelle Kreation den Kürzeren. Nur bei der Beschleunigung von 0-100 km/h liegt der GTO dank ausgeklügelter Elektronik und extrem schneller Schaltzeiten vorne: 3,35 zu 3,65 Sekunden. Von 0-200 km/h jedoch schiebt der Enzo seine ultraflache Schnauze wieder nach vorne: Mit 9,5 zu 9,8s nimmt er dem jüngeren 599 im entscheidenden Bereich von 100 auf 200 6 Zehntelsekunden ab. In Sachen Höchstgeschwindigkeit wird der GTO beinahe deklassiert. 355 zu 335 km/h sprechen eine mehr als deutliche Sprache.
Fahrdynamik
Kann der 599 GTO in diesem entscheidenden Bereich punkten? Wenn es nach den Fiorano Rundenzeiten geht, ja. 1.24 soll der 599 GTO für eine Runde benötigen. 1 Sekunde schneller als der Enzo bei gleicher Streckenführung. Wie ist das möglich, wo der Enzo doch offensichtlich die besseren Anlagen mitbringt? Wie so oft spielen die Reifen eine entscheidende Rolle. Der 599 GTO trägt dicke 285er Pneus an der Vorderachse die ein Untersteuern wirksam verhindert. Ferrari spricht nicht umsonst von einem betont neutralen Fahrverhalten. Die extrem klebrigen Semislicks aus dem Hause Michelin sind wesentlich konsequenter in Richtung Trockengrip optimiert als die Hochgeschwindigkeitsreifen des Ferrari Enzo von Bridgestone, die zudem an der Vorderachse nur eine Breite von 24,5 cm aufweisen.
Fazit
Wichtiger als die Rundenzeit dürfte die Art und Weise sein mit der die beiden Supersportler ihre Arbeit auf der Rennstrecke verrichten. Dank ausgeklügelter Elektronik inkl. ESP und „Virtual Race Engineer“ eröffnet der 599 GTO einem breiteren Kreis an Fahrern das Ausnutzen seiner Fähigkeiten. Die meisten Piloten dürften mit dem neuen GTO tatsächlich deutlich schneller sein als mit dem mächtigen Enzo, dessen elektronische Fahrhilfen sich auf eine Traktionskontrolle beschränken. Der 599 GTO ist daher in der Praxis tatsächlich der schnellste Ferrari aller Zeiten mit Straßenzulassung.
Wir bezweifeln aber ob diese Feststellung den Besitzern eines Ferrari Enzo schlaflose Nächte bereiten wird. Ihr Fahrzeug ist nicht umsonst das einzige Modell mit dem Namen des Firmengründers.
Text: Martin Englmeier
Bilder: Ferrari
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